Widerstand: Der Kampf für 
Demokratie geht weiter

BEWAFFNETER WIDERSTAND

Um die komplexe politische Situation in Myanmar verständlicher zu machen, haben wir den Widerstand in fünf Bereiche gegliedert. Diese Kategorien dienen als Orientierung und sind nicht strikt voneinander getrennt. Ein Akteur kann mehreren Bereichen angehören oder unterschiedliche Rollen übernehmen.

BEWAFFNETER WIDERSTAND

 

 

 Der bewaffnete Widerstand gegen das Tatmadaw (Militär von Myanmar), ist so vielfältig wie das Land selbst. Zu den wichtigsten Akteuren gehören die People’s Defence Forces (PDFs), der bewaffnete Arm der National Unity Government (NUG), sowie zahlreiche Ethnic Armed Organisations (EAOs). Letztere kämpfen zum Teil bereits seit Jahrzehnten in verschiedenen Regionen des Landes um Selbstbestimmung und gegen die Unterdrückung ethnischer Minderheiten.


 

Wer welche Gebiete kontrolliert, ist im stetigen Wandel. Verlässliche Schätzungen sind schwierig, da die illegitime Militärregierung und der Widerstand unterschiedliche Zahlen veröffentlichen. Nach Schätzungen sind zwischen 40% und 70% des Staatsgebiets unter Kontrolle des Widerstands. Trotz dieser Verluste hält das Tatmadaw weiterhin die Kontrolle über alle großen Städte, wichtige Infrastruktur und die Wirtschaftszentren. Um diese Position zu sichern, setzt das Militär zunehmend auf:


 

  • Luftangriffe,
  • bewaffnete Kampfdrohnen,
  • Zwangsrekrutierung,
  • und internationale Unterstützung, insbesondere vom Nachbarland China und Russland.


 

Der Widerstand kontrolliert zwar große Gebiete, steht aber dennoch vor zentralen Herausforderungen:

 

  • Städte können nicht dauerhaft gehalten werden,
  • Luftangriffe des Militärs richten sich oft gezielt gegen zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen und religiöse Einrichtungen,
  • und eine gemeinsame Gesamtstrategie zwischen PDFs und EAOs ist schwer zu entwickeln.
     

Die Vielfalt der Widerstandsgruppen bringt aber auch einen Vorteil. Die dezentrale Organisation und die strukturellen Unterschiede zwischen PDFs und EAOs erschweren es dem Militär, die Bewegung zu infiltrieren, zu kontrollieren oder dauerhaft zu zerschlagen. 

 

 

Hier ein unvollständiger Überblick über Gruppen des bewaffneten Widerstands:

People's Defence Forces (PDF)

Der am 5. Mai 2021 gegründete bewaffnete Arm der NUG hat sich von einer improvisierten Guerillaorganisation zu einer zunehmend koordinierten Streitmacht entwickelt. Schätzungen zufolge zählen die PDFs 100.000 Kämpfer*innen (Stand Februar 2024). Ergänzend dazu existieren lokale Local Defence Forces (LDF), die teils autonom, teils unter Koordination der NUG operieren.

 

Im Vergleich zu den EAOs sind die PDFs schlechter ausgerüstet und ausgebildet. Schätzungen gehen davon aus, dass:

 

etwa 25% der PDF-Kämpfer*innen moderne Waffen besitzen,

40% mit Jagdwaffen und selbstgebauten Waffen kämpfen,

und der Rest über keine Waffen verfügt.

 

Trotz der begrenzten Ausstattung, sind die PDFs lokal verankert und haben detaillierte Ortskenntnisse sowie ein tieferes Verständnis der lokalen Gemeinden. Dieses Wissen ermöglicht ihnen landesweit asymmetrische Kriegführung und Guerillataktik: Hinterhalte, Angriffe auf Militärkonvois, sowie Drohnenangriffe. Vereinzelt gelang es PDF‑Einheiten sogar, Militärhubschrauber oder Kampfjets außer Gefecht zu setzen. Im September 2023 führte die Northern Thandaung Defence Force den ersten dokumentierten Drohnenangriff auf einen Militärflughafen durch (Aye Lar-Basis nahe Naypyidaw). Seit 2023 intensivieren die PDFs die Zusammenarbeit mit EAOs, was zu einer deutlichen Erhöhung ihrer operationellen Reichweite geführt hat. 

 

Kachin Independence Army (KIA)

Die KIA zählt zu den ältesten und stärksten EAOs Myanmars. Gegründet wurde sie nach dem Militärputsch 1962. Sie operiert im Kachin-Staat und Teilen des Shan-Staats und zählt schätzungsweise 5.000 Kämpfer*innen. Sie schloss sich bereits früh der Koalition gegen das Militär an: Am 25. März 2021 eroberte sie die strategische Alaw-Bum-Basis nahe Laiza. Die KIA ist Mitglied der Northern Alliance und arbeitet eng mit den PDFs zusammen, insbesondere im Kachin-Staat und im Norden des Shan-Staats. Trotz des Drucks der chinesischen Regierung, kooperiert die KIA an allen Fronten mit der „Spring Revolution“ und der NUG. Wegen ihrer reichhaltigen Vorkommen an Seltenen Erden, Tropenhölzern und Wasserkraft steht die Region besonders im Fokus Chinas und weiterer internationaler Akteure.

Arakan Army (AA)

Die Arakan Army vertritt die buddhistische Bevölkerung im Rakhine-(Arakan-)Staat. Sie wurde 2009 im Kachin-Staat gegründet. Unter Kommandeur Twan Mrat Naing entwickelte sich die AA zu einer der schlagkräftigsten und politisch ambitioniertesten EAOs des Landes. Ende 2024 zählte sie schätzungsweise 30.000 Kämpfer*innen. Sie ist Teil der Northern Alliance und der Three Brotherhood Alliance. Nach anfänglicher taktischer Zurückhaltung gegenüber dem Militär, eskalierte die AA ihre Offensive ab Ende 2023 deutlich: Im Februar 2024 eroberte sie Mrauk U, eine historisch bedeutsame Stadt. Am 20. Dezember 2024 eroberte die AA das Western Command Headquarters des Tatmadaw in Ann, ein symbolischer wie strategischer Schlag. Die AA beansprucht heute die Verwaltung im Rakhine-Staat und hat de-facto eine parallele Staatsstruktur errichtet. Kritisiert wird die AA für ihren Umgang mit der ethnischen Minderheit der Rohingya im Rakhine-Staat: Ihr werden Unterdrückung und schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

 

Myanmar National Democratic Alliance Army (MNDAA)

Die MNDAA repräsentiert die Kokang, eine chinesische Minderheit im Shan-Staat nahe der Grenze zu China. Sie wurde 1989 nach dem Militärputsch vom 8. August 1988 gegründet und zählt heute schätzungsweise 10.000 Kämpfer*innen. Unter Kommandeur Peng Daxun führte die MNDAA die bekannteste Offensive des gesamten Bürgerkriegs an: Operation 1027, die am 27. Oktober 2023 gemeinsam mit der AA und TNLA startete. Im Januar 2024 fiel Laukkai, die Hauptstadt der Kokang-Sonderverwaltungszone. Der Höhepunkt war die Einnahme von Lashio am 3. August 2024, der größten Stadt im nördlichen Shan-Staat. Dort befand sich auch der Sitz des Northeastern Command. Nach dem Putsch bildete die MNDAA viele junge Menschen aus, die gegen das Militär kämpfen wollten und sich daher in PDFs organisierten.

Ta'ang National Liberation Army (TNLA)

Die TNLA vertritt das Ta'ang-(Palaung-)Volk im Shan-Staat und der Mandalay-Region. Sie wurde 1992 gegründet und zählt schätzungsweise 10.000 Kämpfer*innen. Als Mitglied der Three Brotherhood Alliance beteiligte sie sich an Operation 1027 und an der Operation Kanaung (Juli–September 2023) mit der Mandalay-PDF. Ende Oktober 2025 unterzeichnete die TNLA, auf massiven Druck Chinas, ein Friedensabkommen mit dem Militär. Im Zuge dessen übergab sie die befreiten Städte Mogok und Mongmit an das Tatmadaw. Im Gegenzug wurden sie in den von ihr kontrollierten Gebieten nicht vom Militär angegriffen. In den Monaten davor bombardierte das Tatmadaw dagegen fast täglich Städte und Infrastruktur in diesen Gebieten.

Karenni-Kräfte (Kayah-Staat)

Im Kayah-(Karenni-)Staat bildete sich nach dem Putsch eine Widerstandskoalition: Die Karenni Nationalities Defence Force (KNDF), die größte Neuformation, schloss sich mit der Karenni Army (KA) zusammen, die sich bereits zur Zeit der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft gebildet hatte. Ein bemerkenswerter Seitenwechsel gelang im Juni 2023: Die Karenni National People's Liberation Front (KNPLF), früher eine der Junta nahestehende sogenannte Border Guard Force, schloss sich dem Widerstand an. Gemeinsam bilden diese Gruppen die 4K-Koalition (KA, KNDF, KNPLF, KNLA), benannt nach dem gemeinsamen Anfangsbuchstaben der vier Mitglieder.

Karen National Union (KNU) und Karen National Liberation Army (KNLA)

Die KNU ist Myanmars älteste und bedeutendste Widerstandsorganisation. Gegründet wurde sie 1947, kurz vor dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und zu Beginn der Unabhängigkeit. Sie vertritt die politischen Interessen der Karen (Kayin), einer der größten ethnischen Minderheiten Myanmars. Nach dem Putsch stellte sich die KNU klar auf die Seite der NUG und arbeitet seitdem mit den PDFs zusammen. Die KNLA ist der bewaffnete Arm der KNU. Bereits am 26. März 2021 griff sie eine Militärbasis der Junta an, eine der ersten bewaffneten Reaktionen auf den Putsch überhaupt. Zu dieser Zeit wurde die KNLA auf 15.000 Kämpfer*innen geschätzt.

Chin-Kräfte

Der Chin-Staat war eines der ersten Gebiete, in denen sich nach dem Putsch bewaffneter Widerstand formierte. Die Chinland Defense Force (CDF) kämpfte ab April 2021 gegen das Militär. Seitdem sind die Chin-Kräfte im Chinland Council zusammengeschlossen, der Dachorganisation aus CDF, Chin National Army (CNA), Chin National Defence Force (CNDF) und weiteren Einheiten. Gemeinsam kontrollieren sie heute weite Teile des gebirgigen Chin-Staats. Das bergige, unzugängliche Terrain verschafft ihnen einen klaren strategischen Vorteil gegenüber dem schwerfälligeren Tatmadaw.

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