JUNTA
LUFTANGRIFFE
Um die komplexe Rolle der Junta in Myanmar verständlicher zu machen, haben wir sie in fünf Bereiche gegliedert. Diese Kategorien dienen als Orientierung und sind nicht strikt voneinander getrennt. Die einzelnen Bereiche überschneiden sich und zeigen unterschiedliche Aspekte der Geschichte, Struktur und Herrschaft des Militärs sowie deren Auswirkungen auf die Bevölkerung.
LUFTANGRIFFE
Einordnung: Luftmacht als letzte Bastion der Junta
Seit dem Verlust ganzer Regionalkommandos und weiterer Landesteile an den bewaffneten Widerstand wurde die Luftwaffe zum wichtigsten verbliebenen militärischen Trumpf des Tatmadaw. Während die Junta am Boden zunehmend in die Defensive gerät, bleibt sie in der Luft konkurrenzlos. Analyst*innen sprechen bereits von der Luftmacht als „letzter Bastion“ des Militärs.
Chronologische Entwicklung

Systematische Angriffe auf zivile Infrastruktur
Charakteristisch für die aktuelle Phase ist, dass Luftschläge immer weniger militärische Ziele treffen und immer häufiger explizit zivile Objekte wie Schulen, Kirchen, Klöster, Krankenhäuser, Lager für Binnenvertriebene, Marktplätze und sogar Hochzeiten oder Fußballübertragungen in Teestuben:
- Im Mai 2025 tötete ein Angriff auf eine Schule in der Sagaing-Region 22 Kinder und zwei Lehrer.
- Im August 2025 wurden bei einem einzigen Angriff auf ein Wohnviertel in Hpasawng Township (Karenni-Staat) mindestens 32 Zivilist*innen getötet, darunter Kinder.
- Im Oktober 2025 tötete ein Luftschlag in Chaung-U Township 23 Menschen, darunter vier Kinder, während einer buddhistischen Feier und politischen Versammlung.
- Im Dezember 2025 bombardierte ein Militärflugzeug eine Teestube in Tabayin Township, in der Anwohner*innen ein Fußballspiel verfolgten. Mindestens 19 Menschen wurden getötet.
- Zwischen Juni und September 2025 dokumentierte die Organisation Fortify Rights allein zwölf Luftangriffe im Karenni-Staat mit mindestens 55 zivilen Todesopfern, bei denen Schulen, Kirchen, Kliniken und Vertriebenenlager zerstört wurden.
Dieses Angriffsmuster erfüllt nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen die Kriterien für Kriegsverbrechen, da das humanitäre Völkerrecht eine strikte Unterscheidung zwischen Kombattanten/militärischen Zielen und Zivilisten/zivilen Objekten verlangt.
Waffensysteme und technische Kapazitäten
Die Myanmar Air Force (MAF) verfügt über ein beachtliches, aber stark abgenutztes und heterogenes Flugzeuginventar, das fast ausschließlich aus russischer und chinesischer Produktion stammt:
Kampfflugzeuge/Mehrzweckjets: rund 31 Su-29 sowie sechs neu gelieferte russische Su-30-Maschinen (Vertragswert rund 400 Millionen US-Dollar, russisch finanziert); dazu sieben chinesisch-pakistanische JF-17, die Berichten zufolge wegen Rissen im Rumpf bereits am Boden bleiben mussten.
Ältere Bestände: rund 20 Nanchang Q-5 (chinesischer MiG-19-Nachbau) und 21 Chengdu J-7 (chinesischer MiG-21-Nachbau) aus den 1990er Jahren, deutlich unter der ursprünglichen Stückzahl und weit jenseits der regulären Nutzungsdauer.
Trainer- und Erdkampfflugzeuge: 18 russische Yak-130, chinesische K-8 sowie seit dem Putsch gelieferte Guizhou-JL-9/FTC-2000G-Maschinen mit dokumentierten Sicherheitsproblemen.
Hubschrauber: russische Mi-2, Mi-17 (Transport) und Mi-24/Mi-35 (Angriff).
Aufgrund internationaler Sanktionen, Devisenmangels und Lieferengpässen, teils auch durch Russlands Krieg gegen die Ukraine bedingt, gelten rund 20 % der Flotte als nicht einsatzbereit. Seit 2021 schossen Widerstandskräfte nach eigenen Angaben mindestens 13 Regierungsflugzeuge im Gesamtwert von rund 170 Millionen US-Dollar ab. Dies weist darauf hin, dass die Luftüberlegenheit der Junta zwar unangefochten, aber nicht mehr risikofrei ist. Insbesondere die Kachin Independence Army (KIA) hat mit chinesischen FN-6-Manpads bereits Hubschrauber abgeschossen. Dies wirft auch Fragen nach einer möglichen stillschweigenden Duldung durch Peking auf. Der überwiegende Teil der Luftabwehr des Wbesteht jedoch weiterhin aus kleinkalibrigen Waffen und improvisierten Drohnenangriffen.

Die
Treibstoff-Lieferkette als Achillesferse
Ein zentraler Angriffspunkt für die internationale Gemeinschaft ist der Flugbenzin-Nachschub, da Myanmar Kerosin (Jet A-1) vollständig importieren muss. Recherchen von Amnesty International und weiteren Organisationen haben eine sich stetig wandelnde und zunehmend verschleierte Lieferkette dokumentiert:
1.In der ersten Phase nach dem Putsch erfolgten Lieferungen noch direkt durch Konzerne wie PetroChina/Singapore Petroleum Company, Rosneft, Chevron Singapore, ExxonMobil und Thai Oil, sowie über das Puma-Energy-Terminal in Thilawa.
2.Nach den 2023 verhängten Sanktionen verlagerte sich der Handel auf mehrfach weiterverkauftes Kerosin, verschleierte Eigentümerstrukturen und „Geisterschiffe“, die ihre AIS-Ortungssysteme abschalten, um ihre Herkunft zu verbergen. Diese Taktik ist laut Amnesty International aus dem Sanktionsumgehungshandel Russlands, Irans und Nordkoreas bekannt.
3.Aktuelle Untersuchungen (2025/26) verweisen auf ein Netzwerk mit Bezügen zu iranischen Öllieferungen, Zwischenhändlern in Singapur, Vietnam, den VAE und China. Trotz Sanktionen bleibt die Versorgung damit im Kern intakt.
"Anders als bei Waffen und Rüstungsgütern gibt es bis heute kein umfassendes internationales Embargo speziell auf Flugkraftstoff. Menschenrechtsorganisationen kritisieren das als eine der gravierendsten Lücken in der internationalen Reaktion."
Analytische Einordnung
Aus politikwissenschaftlicher Perspektive lassen sich mehrere Dynamiken festhalten:
1.Kompensationsstrategie
Luftschläge ersetzen zunehmend fehlende Kapazität der Bodentruppen. In Gebieten, die das Tatmadaw nicht halten kann, versucht es stattdessen, durch Bombardierungen Kontrolle zu demonstrieren, aufständische Gebiete abzuschrecken und sie zu bestrafen. Dies ist eine klassische Dynamik konventionell unterlegener, aber luftmachtüberlegener Streitkräfte in asymmetrischen Konflikten.
2.Kollektivbestrafung
Das systematische Bombardieren ziviler Infrastruktur in Widerstandshochburgen (Sagaing, Karenni, Chin, Rakhine) lässt sich weniger als militärisch-taktisches Vorgehen, sondern eher als Strategie der Kollektivbestrafung und Terrorisierung der Zivilbevölkerung deuten. Dies ist eine Fortsetzung der historisch etablierten „Four Cuts“-Doktrin des Tatmadaw mit modernen Mitteln.
3.Sanktionsresilienz:
Die anhaltende Treibstoffversorgung trotz jahrelanger, mehrfach verschärfter Sanktionen zeigt exemplarisch die Grenzen punktueller Wirtschaftssanktionen gegenüber einer Regierung, die über etablierte Netzwerke und wohlwollende regionale Partner (China, Russland, in Teilen auch Indien und Thailand über Handelsrouten) verfügt. Sie zielt darauf ab, den Widerstand von vier Ressourcen abzuschneiden: Nahrung, Finanzen, Information und neue Rekrut*innen aus der Zivilbevölkerung.
4. Wahltaktisches Timing
Auffällig ist zudem der zeitliche Zusammenhang zwischen der Zunahme der Luftschläge und den von der Junta 2025/26 organisierten Wahlen, Menschenrechtsorganisationen werten die Bombardierungen explizit als Versuch, oppositionelle Gebiete im Vorfeld der Scheinwahlen einzuschüchtern und militärisch zu neutralisieren.
