JUNTA 

 GESCHICHTE UND STRUKTUR DES MYANMARISCHEN MILITÄRS

Um die komplexe Rolle der Junta in Myanmar verständlicher zu machen, haben wir sie in fünf Bereiche gegliedert. Diese Kategorien dienen als Orientierung und sind nicht strikt voneinander getrennt. Die einzelnen Bereiche überschneiden sich und zeigen unterschiedliche Aspekte der Geschichte, Struktur und Herrschaft des Militärs sowie deren Auswirkungen auf die Bevölkerung. 

GESCHICHTE UND STRUKTUR DES 
MYANMARISCHEN MILITÄRS 

Ursprünge und der Weg zur Macht (1940er–1962)

 

Das myanmarische Militär, auch Tatmadaw genannt, geht auf die 1941 von Aung San mit japanischer Unterstützung gegründete Burma Independence Army zurück. Sein Selbstbild als Garant der nationalen Einheit und Unabhängigkeit prägt bis heute, wie das Militär seine Rolle im Staat rechtfertigt. Nach der Unabhängigkeit 1948 kämpfte die junge Armee von Anfang an gegen eine Vielzahl kommunistischer und ethnischer Aufstände. Das prägte ihre institutionelle Kultur bis heute: die Überzeugung, dass nur das Militär einen fragilen, ethnisch zersplitterten Staat zusammenhalten könne.

 

General Ne Win übernahm 1958 zunächst durch eine „Übergangsregierung“ die Macht. 1962 ergriff er dann durch einen Putsch die vollständige Kontrolle und installierte die Burma Socialist Programme Party (BSPP), mit der er bis 1988 direkt oder indirekt regierte. Diese Phase festigte die Angewohnheit des Militärs, sich selbst als letzte Instanz der Politik zu betrachten, anstatt als Instrument einer zivilen Regierung.


 1988, SLORC/SPDC und die Institutionalisierung der Militärherrschaft

 

Der Volksaufstand von 1988 wurde vom Militär brutal niedergeschlagen, Tausende Menschen wurden auf den Straßen Yangons bei Demonstrationen erschossen. Daraufhin bildete das Militär den State Law and Order Restoration Council (SLORC), später umbenannt in State Peace and Development Council (SPDC). Die Politikwissenschaftler Paul Chambers und Aurel Croissant beschreiben diese Ära als den Zeitpunkt, an dem das Tatmadaw begann, systematisch ein „militärisches Vormundschaftssystem“ (military tutelage) aufzubauen: ein dauerhaftes rechtliches, verfassungsmäßiges und wirtschaftliches Gerüst, das jede einzelne Junta überdauern und künftige Übergänge zu einer scheinbar zivilen Herrschaft überstehen sollte.

Die 2008 verabschiedete Verfassung, fast ausschließlich vom Militär entworfen, war das Herzstück dieses Projekts. Sie sicherte dem Militär auf mehreren Ebenen dauerhaften Einfluss:

25 % der Parlamentssitze sind aktiven Offizieren vorbehalten. Das verschafft der Armee ein faktisches Vetorecht bei Verfassungsänderungen, da diese mehr als 75 % Zustimmung benötigen. 

Der Oberbefehlshaber kontrolliert unabhängig von der Regierung die Ministerien für Verteidigung, Inneres und Grenzangelegenheiten.Ein von militärischen Vertretern dominierter Nationaler Verteidigungs- und Sicherheitsrat wurde geschaffen.


 Chambers und Croissant argumentieren, dass die militärische Vormundschaft in Myanmar erfolgreicher und dauerhafter war als im Nachbarland Thailand. Sie führen das vor allem auf zwei Faktoren zurück: den größeren internen Zusammenhalt des Tatmadaw und eine stärker zersplitterte zivile Opposition.


 

Die „disziplinierte Demokratie 2010–2020

 

Die Wahlen von 2010 brachten eine quasi-zivile Übergangsregierung unter Ex-General Thein Sein an die Macht. Sie öffnete das Land schrittweise und leitete die umfangreichste Reformperiode seiner Geschichte ein. Nach einem Erdrutschsieg bei den Wahlen von 2015 übernahm Aung San Suu Kyi 2016 mit ihrer National League for Democracy (NLD) die Regierungsgeschäfte. 2020 übertraf sie mit der NLD nochmals das Ergebnis von 2015 und holte über 80 % der Stimmen. Dieses überragende Ergebnis war allerdings nicht in erster Linie Anerkennung für die erste Wahlperiode. Es war vor allem ein klares Votum des Volkes gegen die vom Militär dominierte Union Solidarity and Development Party (USDP). Während dieses gesamten Jahrzehnts blieben die verfassungsmäßigen Vorrechte des Militärs jedoch unangetastet. Auf dieser Grundlage konnte der Putsch von 2021 durchgeführt werden. 


Struktur der Streitkräfte

 

Das Tatmadaw gliedert sich in drei Teilstreitkräfte: Heer (Tatmadaw Kyi), Marine (Tatmadaw Yay) und Luftwaffe (Tatmadaw Lay). Das Heer dominiert dabei klar, an Größe, an Ressourcen und an politischem Gewicht. An der Spitze der Befehlskette steht der Oberbefehlshaber der Verteidigungsstreitkräfte, ein Posten, den Min Aung Hlaing von 2011 bis zu seinem Rücktritt im März 2026 innehatte. Von dort führt sie über ein Generalstabsbüro zu einem Dutzend Regionalkommandos, die jeweils Bundesstaaten und Regionen des Landes abdecken. Ergänzt wird diese Struktur durch leichte Infanteriedivisionen, die für den schnellen Einsatz bei der Aufstandsbekämpfung bereitstehen. Die Offiziersausbildung erfolgt hauptsächlich über die Defence Services Academy, deren Absolventenjahrgänge lebenslange Patronagenetzwerke bilden.


 

Ein besonderes Merkmal des Tatmadaw ist sein hoher Grad an institutioneller Selbstfinanzierung. Zwei militäreigene Konzerne, Myanma Economic Holdings Limited (MEHL) und Myanmar Economic Corporation (MEC), halten Beteiligungen in den Bereichen Bankwesen, Bergbau, Edelsteine, Tabak, Telekommunikation, Brauereien und Immobilien. Sie erwirtschaften Einnahmen, die weitgehend der zivilen Haushaltskontrolle entzogen sind. Myanmar zählt zu den am stärksten militarisierten Gesellschaften der Welt: Über 3 Millionen Menschen, Soldat*innen, Veteran*innen und ihre Familien sind unmittelbar von diesen militärischen Institutionen und Konzernen geprägt.

Der Putsch von 2021 und der Bürgerkrieg

 

Am 1. Februar 2021 stürzte das Tatmadaw unter Min Aung Hlaing die gewählte NLD-Regierung. Es behauptete unbelegten Wahlbetrug bei den Wahlen 2020, in Anlehnung an Donald Trump und die US-Wahlen kurz zuvor. Zugleich verhaftete es Staatsrätin Aung San Suu Kyi, Präsident Win Myint sowie große Teile des Parlaments. Der Putsch löste Massendemonstrationen und ein gewaltsames Vorgehen der Junta aus. Gleichzeitig eskalierten die seit Langem bestehenden Aufstände des Landes dramatisch. Die im Exil gebildete National Unity Government (NUG) und wichtige ethnische bewaffnete Organisationen wiesen die Verfassung von 2008 zurück und forderten stattdessen einen demokratischen und föderalen Staat. Was folgte, wurde zu einem der schwersten Rückschläge in der Geschichte des Tatmadaw: Im Oktober 2023 startete die Three-Brotherhood-Allianz eine Offensive, die strategische Gebiete im nördlichen Shan-Staat, im Arakan-Staat und im Chin-Staat eroberte. Erstmals in seiner Geschichte verlor das Militär dabei die Kontrolle über ganze Regionalkommandos, darunter im August 2024 sein Nordostkommando und im Dezember 2024 sein Westkommando. Schätzungen zufolge kontrollierte die Junta zwischen 30% und 60% des Staatsgebiets.

 

Angesichts dieser militärischen Krise ließ die Junta zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 Scheinwahlen abhalten. Die NLD und der Großteil der Opposition waren davon ausgeschlossen. Im April 2026 wurde Min Aung Hlaing als Präsident einer scheinbar zivilen Regierung eingesetzt. Die UN und Analysten bewerteten diesen Schritt nicht als Ende des Krieges, sondern als Festigung der Militärherrschaft. Er trat als Oberbefehlshaber zurück und übergab diesen Posten an General Ye Win Oo, einen engen Verbündeten und ehemaligen Chef des militärischen Nachrichtendienstes. Analyst*innen der International Crisis Group sehen darin etwas anderes als den disziplinierten, ausgehandelten Übergang, den das Militär 2010 gestaltete. Sie deuten es eher als improvisierten Versuch Min Aung Hlaings, gleichzeitig die persönliche Kontrolle über das Tatmadaw und über seine zivile Vorfeldpartei, die USDP, zu behalten. 


 

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