JUNTA
HUMANITÄRE
KRISE IN MYANMAR
Um die komplexe Rolle der Junta in Myanmar verständlicher zu machen, haben wir sie in fünf Bereiche gegliedert. Diese Kategorien dienen als Orientierung und sind nicht strikt voneinander getrennt. Die einzelnen Bereiche überschneiden sich und zeigen unterschiedliche Aspekte der Geschichte, Struktur und Herrschaft des Militärs sowie deren Auswirkungen auf die Bevölkerung.
HUMANITÄRE KRISE IN MYANMAR
Über 18 Millionen Menschen in Myanmar sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, eine Zahl, die sich kaum greifen lässt. Myanmar hatte vor dem Putsch rund 55 Millionen Einwohner. Seither haben etliche Millionen Menschen das Land verlassen: ein großer Teil ins benachbarte Thailand, viele auch nach Vietnam, Kambodscha, Malaysia, Singapur, auf die Philippinen, nach Indonesien, Korea oder Japan. Weitere flohen nach Europa, in die USA, nach Skandinavien, Kanada oder Australien. Zählt man ein paar vage Schätzungen der UN (Vereinte Nationen) und anderer Organisationen zusammen, lässt sich vermuten, dass die Bevölkerung Myanmars mittlerweile deutlich unter 50 Millionen gesunken ist. Das bedeutet, dass mehr als ein Drittel der Menschen im Land heute nicht weiß, ob es morgen genug zu essen haben wird. Das war nicht immer so. Zum Vergleich: Vor dem Putsch befanden sich etwa 900.000 Menschen in Myanmar in humanitärer Not: eine der vielen Folgen des Putsches.
Auch vor 2021 gab es in Myanmar ernsthafte humanitäre Krisen. Sie waren jedoch geographisch und im Umfang begrenzt, vor allem auf die Konfliktgebiete der ethnischen Minderheiten an den Rändern des Landes. Das restliche Myanmar funktionierte im Verhältnis: Es gab ein Gesundheitssystem, eine Landwirtschaft, die ausreichend Nahrungsmittel produzierte, eine Wirtschaft, die wuchs, und einen Alltag, in dem die meisten Menschen ihre Grundbedürfnisse abdecken konnten.
Das Militär zerstörte das in kürzester Zeit grundlegend, nicht als Kollateralschaden eines Krieges, sondern durch spezifische Entscheidungen mit vorhersehbaren humanitären Konsequenzen.
Wichtige Fakten
301 Einrichtungen
Gesundheitseinrichtungen
angegriffen
(2021–2026)
WHO
12.4
Millionen
Menschen in akuter
Ernährungsunsicherheit (2026)
WFP
3,6
Millionen
Menschen innerhalb
Myanmars vertrieben
(2025)
UNHCR
Gesundheit: Was passiert, wenn Ärzte verschwinden
Als das Militär die Macht übernahm, verweigerten tausende Ärzt*innen und Pflegepersonal aus Protest die weitere Arbeit für den Staat. Die Junta reagierte mit Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Berufsverboten. Wer nicht kooperierte, riskierte seine Freiheit oder sogar sein Leben.
Dies brachte schwere humanitäre Auswirkungen mit sich. Unter anderem:
- finden Frauen mit Komplikationen während der Geburt keine ausgebildete medizinische Betreuung,
- werden Kinder nicht mehr gegen Masern oder Polio geimpft, weil die Infrastruktur, um Impfstoff zu verteilen, fehlt,
- und brechen Menschen mit Tuberkulose ihre Behandlung ab, weil die Klinik geschlossen oder wegen der Kämpfe nicht mehr erreichbar ist.
Allein 2025 wurden mindestens 70 Gesundheitseinrichtungen (Krankenhäuser, Kliniken, ambulante Posten) angegriffen. Manche wurden bombardiert, manche in Militärstützpunkte umgewandelt. Auch dahinter steckte Kalkül, kein Zufall. Denn wer täglich ums Überleben kämpft, hat keine Kraft mehr, sich einer brutalen Militärherrschaft entgegenzustellen.
Essen: Wenn Hunger zur Methode wird
Myanmar ist kein Land, in dem Hunger durch Dürre oder schlechte Ernten entsteht. Das Irrawaddy-Delta gehört zu den fruchtbarsten Regionen Asiens. Vor dem Putsch exportierte Myanmar Reis und viele andere Agrarprodukte.
Die heutige Ernährungskrise hat zwei Ursachen, die man auseinanderhalten muss. Die erste ist wirtschaftlich und eine Folge des Putsches: Die Währung (Kyat) hat massiv an Wert verloren, die Inflation ist hoch, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren oder ihr Einkommen ist fast wertlos geworden. Nahrungsmittel gibt es genug. Das Problem ist ihr Preis: Viele Menschen, deren Einkommen früher gerade ausreichte, können sich heute selbst das Nötigste nicht mehr leisten.
Die zweite Ursache ist direkter: In Konfliktgebieten blockiert das Militär gezielt Versorgungsrouten. Das ist keine neue Taktik. Das Militär setzte sie in ethnischen Gebieten schon seit Jahrzehnten ein, um Widerstandsgebiete wirtschaftlich auszutrocknen. Seit 2021 wendet es sie flächendeckend an. Hilfsorganisationen, die Lebensmittel liefern wollen, bekommen keine Genehmigungen. Das Militär hält Lastwagen an Checkpoints auf und beschlagnahmt ihre Ladung. Im Rakhine-Staat ist die Lage besonders ernst: Hier kommen Blockaden des Militärs und der Arakan Army zusammen. Die Bevölkerung sitzt zwischen zwei Kräften, die beide den Zugang einschränken.
Vertreibung: Was es bedeutet, sein Zuhause zu verlieren
3,6 Millionen Menschen sind innerhalb Myanmars vertrieben. Das Militär zerstörte dabei weit über 100.000 Gebäude. Viele Menschen leben im Wald, der ihnen Schutz bietet. Andere verstecken sich in aufgegebenen Gebäuden oder bei Verwandten, an Orten, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Sie leben ohne Dokumente, ohne Adresse und ohne jede Möglichkeit, staatliche oder andere Hilfe zu bekommen.
Regionen, die vor dem Putsch verschont blieben, sind ebenfalls betroffen. Sagaing und Magwe zählen zu den bevölkerungsreichsten und landwirtschaftlich wichtigsten Regionen Myanmars. Beide werden überwiegend von der Bamar-Mehrheitsbevölkerung bewohnt. Menschen, die nie in der Nähe bewaffneter Konflikte lebten, fliehen nun. Diesem Teil der Gesellschaft fehlt jede Erfahrung mit Vertreibung, wie sie andere Landesteile über Generationen aufgebaut haben. Auch die Strukturen fehlen, die anderswo als Auffangnetz dienen: bestehende Netzwerke, praktisches Wissen, eingespielte Routinen.
Kinder tragen einen unverhältnismäßig großen Teil dieser Last. Schulen wurden bombardiert oder geschlossen. Bildung findet, wenn überhaupt, nur noch in improvisierten Strukturen statt. Seit Anfang 2024 müssen Familien zudem fürchten, dass ihre Kinder vom Militär zwangsrekrutiert werden. Das Militär erließ ein Wehrpflichtgesetz, das auch Minderjährige betrifft und mit Gewalt durchgesetzt wird. Nur wohlhabende Familien können ihre Kinder davon freikaufen.
Die Rohingya: Eine Krise bereits vor dem Putsch
Die Rohingya lebten auch vor 2021 unter massiver Unterdrückung: staatenlos, eingesperrt in Lagern und abgeriegelten Dörfern im Rakhine-Staat, ohne Bewegungsfreiheit oder Bürgerrechte. 2017 kam es zu systematischen Menschenrechtsverletzungen, die möglicherweise einen Völkermord darstellten. Über eine Million Rohingya flohen damals nach Bangladesch. Diese Krise ging dem Putsch von 2021 voraus.
Heute ist ihre Lage von beiden Seiten des Konflikts bedroht. Das Militär verfolgt sie weiterhin. Die Arakan Army kontrolliert seit 2024 den Großteil des Rakhine-Staates, dieselbe Organisation, die bereits im Kapitel „Bewaffneter Widerstand“ für ihren Umgang mit den Rohingya kritisiert wird. Gegenüber den Rohingya führte sie Zwangsarbeit ein, schränkte die Bewegungsfreiheit ein und beging Übergriffe, die inzwischen gut dokumentiert sind. Eine Bevölkerung ohne Schutzrechte steht damit zwischen zwei bewaffneten Kräften, von denen keine ihre Sicherheit garantiert. Hilfsorganisationen haben kaum noch Zugang. Ärzte ohne Grenzen musste zum Beispiel 2024 ein Dutzend Kliniken in der Region schließen.
Eine Möglichkeit der sicheren Rückkehr der Rohingya-Geflüchteten in den Lagern von Cox's Bazar ist nicht in Aussicht.
Warum Hilfe so schwer ankommt
Von außen stellt sich oft die Frage, warum internationale Hilfe die Lage nicht stärker verbessert. Der zentrale Grund: Das Militär kontrolliert, wer ins Land reisen darf und wer sich innerhalb Myanmars wohin bewegen kann. Hilfsorganisationen benötigen für ihre Arbeit Genehmigungen. Diese werden ausschließlich für Gebiete erteilt, die die Junta kontrolliert. Die Gebiete mit dem größten Bedarf sind genau jene, für die keine Genehmigung erteilt wird. Das ist kein bürokratisches Problem, sondern eine politische Entscheidung: Das Militär nutzt humanitären Zugang als Druckmittel.
Lokale Helfer*innen, kleine Organisationen, Freiwilligennetzwerke und Gemeindeinitiativen erreichen mehr als internationale Hilfsorganisationen. Sie kennen die Wege, die Sprachen, die Menschen. Sie verfügen dabei jedoch über keinen Schutz. Wer in einem Widerstandsgebiet hilft, riskiert eine Verhaftung nach dem Anti-Terror-Gesetz. Der internationale Bedarf an humanitärer Hilfe für Myanmar wird auf rund eine Milliarde US-Dollar pro Jahr geschätzt. 2023 wurden davon etwa 29 Prozent finanziert. Fast zwei Millionen Menschen, die als dringend hilfsbedürftig galten, erhielten dadurch keinerlei Unterstützung. Die Lage verschärfte sich zusätzlich, weil die USA und andere Länder ihre Entwicklungshilfe deutlich kürzten.
Was bleibt
Myanmar ist kein Land, dem durch mehr Hilfe allein geholfen werden kann. Die Krise ist im Kern politisch erzeugt, durch das Militär selbst: durch den wirtschaftlichen Kollaps, die Zerstörung des Gesundheitssektors und die Blockade humanitärer Hilfe. Hilfsorganisationen können Leben retten und Schlimmeres verhindern, doch sie arbeiten unter erheblichem Risiko. Aber sie können nicht ersetzen, was ein funktionierender Staat für seine Bevölkerung leisten würde.
Die Menschen in Myanmar brauchen Zugang zu medizinischer Versorgung, zu Nahrung, zu Schulen und Unterkünften. Die Folgen des Militärputsches und das Vorgehen des Militärs sind der Grund, warum sie das nicht erhalten.
