JUNTA
KOLLABORATEURE DER JUNTA
Um die komplexe Rolle der Junta in Myanmar verständlicher zu machen, haben wir sie in fünf Bereiche gegliedert. Diese Kategorien dienen als Orientierung und sind nicht strikt voneinander getrennt. Die einzelnen Bereiche überschneiden sich und zeigen unterschiedliche Aspekte der Geschichte, Struktur und Herrschaft des Militärs sowie deren Auswirkungen auf die Bevölkerung.
KOLLABORATEURE DER JUNTA
Ein dichtes Netzwerk internationaler Unterstützer ist überlebenswichtig für die Militärjunta. Dieses Netzwerk umfasst Staaten, multilaterale Organisationen, Wirtschaftskonzerne und Einzelpersonen, die unterschiedliche strategisch-geopolitische, wirtschaftliche und ideologische Interessen verfolgen.
I. Staatliche Akteure
CHINA, RUSSLAND,INDIEN, THAILAND, VIETNAM, SERBIEN, BELARUS, LAOS UND KAMBODSCHA
China
China ist der bedeutendste staatliche Unterstützer der Junta, sowohl diplomatisch als auch wirtschaftlich und militärisch. Peking blockiert zusammen mit Russland im UN-Sicherheitsrat verbindliche Resolutionen und hat die Junta seit 2021 nie explizit verurteilt. Die chinesische Außenpolitik folgt einerseits dem Prinzip der Nichteinmischung und priorisiert Stabilität sowie den Schutz eigener Investitionen in Myanmar, andererseits mischt es sich, wenn auch verdeckt, in den Konflikt in Myanmar ein. China unterstützt das Militär und gleichzeitig auch verschiedene ethnische bewaffnete Organisationen (EAOs) und übt politischen Druck auf besitmmte Akteure aus, um seine Interessen zu wahren.
Wirtschaft: Der China-Myanmar Economic Corridor (CMEC), Teil der Belt-and-Road-Initiative, ist das Kernprojekt chinesischer Investitionen. Er hat ein Volumen von über 15 Milliarden USD. Er umfasst die Öl- und Gaspipeline von Kyaukphyu nach Kunming (in Betrieb seit 2017) sowie den Tiefwasserhafen Kyaukphyu (CITIC Group, 70% Beteiligung). Die China National Petroleum Corporation (CNPC) betreibt gemeinsam mit der Myanmar Oil and Gas Enterprise (MOGE) Felder im Rakhine Staat und zahlt Lizenzgebühren direkt an den Staat.
Rüstung: Lieferungen an die Junta umfassen gepanzerte Fahrzeuge, Artilleriesysteme, Kampfflugzeuge sowie Drohnen. Die Firmen Norinco (Panzer und Artillerie) und AVIC (Luftfahrt) sind die wichtigsten Rüstungsexporteure.
Problematik für Peking: Die Junta ist für Peking ein instabiler Partner. Schleusernetzwerke und Scam-Zentren an der chinesisch-myanmarischen Grenze, in denen chinesische Staatsangehörige Opfer von Menschenhandel und zu Online-Betrug gezwungen werden, brachten Peking ab 2023 unter erheblichen innenpolitischen Druck. China nutzt seither seinen Einfluss selektiv, um bestimmte bewaffnete Gruppen (etwa die Kokang-Milizen der MNDAA und die Three Brotherhood Alliance) zu disziplinieren oder zu steuern, was die Beziehung zur Junta kompliziert.
Russland
Russland ist der zweitgrößte Waffenlieferant und strategisch einer der wichtigsten Verbündeten. Das russische und myanmarische Militär unterhalten schon seit vielen Jahrzehnten enge Verbindungen. Gemeinsame Militärübungen, - trainings und Wissenstransfer finden regelmäßig statt. Min Aung Hlaing besuchte Moskau mehrfach, zuletzt im Rahmen des internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg. Russland lieferte Kampfjets, Kampfhubschrauber, gepanzerte Fahrzeuge, Luftabwehrsysteme und vieles mehr. Der staatliche Rüstungsexporteur Rosoboronexport ist der zentrale Vermittler.
Russlands Motivation ist strategischer Natur: Myanmar dient als Demonstrationsobjekt für die russische These, dass westliche Sanktionspolitik scheitert, und als Gegengewicht zu westlich orientierten Regierungen in Asien. Seit dem Angriff auf die Ukraine sind die russischen Lieferkapazitäten zwar eingeschränkt, die diplomatische Rückendeckung im UN-Sicherheitsrat blieb jedoch konstant.
Der russische Botschafter in Naypyidaw, Nikolay Listopadov, unterhält enge Beziehungen zur Junta-Führung und dient als Brücke für technische Kooperationsabkommen, einschließlich eines geplanten Atomkraftwerk-Projekts.
Indien
Indien verfolgt eine eher pragmatische Politik. Einerseits kritisiert Neu-Delhi den Putsch nicht scharf und pflegt aus strategischen Gründen diplomatische Verbindungen zur Junta: Indien benötigt Myanmar als Transitland für seine Act-East-Policy und fürchtet, Einfluss an China zu verlieren. Andererseits liefert Indien begrenzte Rüstungsgüter (Artilleriesysteme, Patrouillenboote für die Marine und weiteres). Bis 2023 nahm Indien myanmarische Geflüchtete in nordöstlichen Bundesstaaten wie Manipur auf, ging unter innenpolitischem Druck aber zunehmend zur Abschiebung über.
Thailand
Thailand ist die wichtigste wirtschaftliche Schnittstelle zwischen Myanmar und dem globalen Markt. Bangkoks politische Führung, historisch geprägt durch eigene Militärputsche, verurteilte den Putsch formal, ergriff aber keine wirksamen Gegenmaßnahmen. Das thailändische und myanmarische Militär unterhalten schon seit Jahrzehnten enge wirtschaftliche Verbindungen, zum Beispiel über den lukrativen Handel von Teakholz.
Der staatliche Ölkonzern PTT Exploration and Production (PTTEP) ist nach dem Rückzug von TotalEnergies und Chevron der wichtigste verbliebene internationale Partner im Yadana-Gasprojekt. PTTEP zahlt Lizenzgebühren an MOGE, die eine der Haupteinnahmequellen der Junta darstellen. Schätzungen zufolge flossen allein aus dem Yadana-Feld jährlich über 1 Milliarde USD in die Kassen der Junta. Selbst nach dem Rückzug von Energiekonzernen aus anderen Staaten, zahlt PTTEP weiterhin.
Thailand ist zudem zentrales Transitland für Waffen und sanktionierte Güter, insbesondere über den Grenzübergang Mae Sot/Myawaddy.
Vietnam
Vietnam ist über seinen Staatskonzern Viettel indirekt in die Junta-Ökonomie eingebunden. Viettel hält über eine Partnerschaft mit dem Militärkonglomerat Myanmar Economic Corporation (MEC) die Mehrheit an Mytel, einem der größten Telekommunikationsanbieter Myanmars. Trotz Sanktionsdruck hat Viettel seine Beteiligung nicht aufgegeben. Diplomatisch agiert Hanoi neutral.
Serbien
Serbien ist ein oftmals unterschätzter Waffenlieferant. Serbische Rüstungsunternehmen, darunter der staatliche Konzern Yugoimport-SDPR, exportierten nachweislich Artilleriemunition und Handfeuerwaffen nach Myanmar, teils über Drittländer als Zwischenstationen. UN-Expertenberichte dokumentieren Granaten serbischen Ursprungs, die von der Junta bei Angriffen auf Zivilist*innen eingesetzt wurden.
Belarus
Belarus lieferte nach dem Putsch Rüstungsgüter, darunter gepanzerte Fahrzeuge und Kleinwaffen. Die Verbindung ist ideologisch: Beide Regierungen unterliegen Sanktionen und kooperieren im Rahmen einer informellen Solidargemeinschaft autoritärer Staaten. Min Aung Hlaing besuchte Minsk im März 2025.
Laos und Kambodscha
Innerhalb der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) sind Laos und Kambodscha die loyalsten Unterstützer der Junta. Phnom Penh, unter Premierminister Hun Sen (bis 2023), pflegte enge Verbindungen, und Kambodscha nutzte seinen ASEAN-Vorsitz 2022, um den Druck auf Myanmar abzumildern. Laos ist ein geographisches Transitland für illegale Handelskanäle. Beide Länder blockieren innerhalb der ASEAN jeden Versuch, Myanmar zu isolieren.
II. Multilaterale Organisationen
Association of Southeast Asian Nations (ASEAN)
Die ASEAN ist formell kein Kollaborateur der Junta. Durch ihr Konsensprinzip und ihre Handlungsunfähigkeit hat sie ihr jedoch de facto Deckung gegeben. Der Five-Point Consensus vom April 2021, ein Fünf-Punkte-Plan für einen Dialog zwischen den Konfliktparteien, bleibt bis heute weitgehend wirkungslos. Myanmar wurde zwar von Führungsgipfeln ausgeschlossen und ist dort nur noch auf „nicht-politischer“ Ebene vertreten. Die Mitgliedschaft im Bündnis blieb davon jedoch unberührt. Innerhalb der ASEAN blockieren Thailand, Laos und Kambodscha härtere Maßnahmen.
Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO)
Myanmar wurde 2023 als Dialogpartner in die SCO aufgenommen, ein symbolischer Schritt, der die Einbindung in ein von China und Russland geführtes Gegengewichts-System zu westlich geprägten Institutionen signalisiert.
Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation (BIMSTEC)
Die BIMSTEC hat Myanmar als Mitglied nicht ausgeschlossen und damit indirekt zur Normalisierung beigetragen.
III. Wirtschaftsunternehmen
Militärkonglomerate der Junta
Das Tatmadaw verfügt über zwei interne Strukturen, über die ausländische Firmen mit der Junta Geschäfte abwickeln:
Myanma Economic Holdings Limited (MEHL/UMEHL): Das größte Militärkonglomerat, tätig in den Bereichen Bier- und Spirituosenproduktion, Bankwesen, Tabak, Textil und Immobilien. MEHL unterhielt bis 2021 Joint Ventures mit zahlreichen multinationalen Konzernen. Der japanische Braukonzern Kirin Holdings hielt bis zu seinem Rückzug im April 2021 eine 51%-Beteiligung an der Myanmar Brewery über MEHL. Kirin war trotz frühzeitiger öffentlicher Kritik lange zögerlich und beendete die Partnerschaft erst nach massivem Druck. Die EU und die USA haben MEHL sanktioniert.
Myanmar Economic Corporation (MEC): Tätig in Bergbau, Stahl, Zement, Banken und Telekommunikation. MEC-Tochtergesellschaft Star High Public Company hält 28% an Mytel (Viettel-Partnerschaft). Auch MEC ist von Sanktionen betroffen.
Energiesektor
TotalEnergies (Frankreich) war bis Januar 2022 im Yadana-Gasprojekt aktiv. Der Rückzug war zunächst verzögert und erfolgte unter erheblichem zivilgesellschaftlichem Druck. TotalEnergies argumentierte lange, ein Rückzug würde der Bevölkerung mehr schaden als nutzen. Diese Position wurde von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert. TotalEnergies blickt auf eine lange lukrative Geschichte der Kooperation mit dem Tatmadaw zurück, die für viele Menschen in Myanmar Zwangsarbeit, Vertreibung und Tod bedeutete.
Chevron (USA) war ebenfalls im Yadana-Projekt involviert und zog sich im im Juli 2022 zurück.
PTTEP (Thailand) verblieb im Yadana-Projekt und übernahm die Anteile der westlichen Firmen partiell. PTTEP zahlt kontinuierlich Lizenzgebühren an MOGE, die direkt in den Militärhaushalt fließen. PTTEP ist damit Stand 2024/2025 der bedeutendste ausländische Financier der Junta im Energiesektor.
POSCO International (Südkorea) hält 51% am Shwe-Gasprojekt im Rakhine-Staat. Shwe liefert Gas nach China. POSCO International zahlte auch nach dem Putsch Lizenzgebühren an MOGE und stand unter Druck von südkoreanischen Zivilgesellschaftsgruppen und US-Sanktionsbehörden.
China National Petroleum Corporation (CNPC) betreibt die Öl- und Gaspipeline von Kyaukphyu nach Kunming und zahlt Transitgebühren und Lizenzgebühren an Myanmar.
China Power International setzt Wasserkraftprojekte in Myanmar trotz des Putsches fort.
Telekommunikation und Flugzeugtreibstoff-Netzwerk
Telenor (Norwegen) verkaufte seine Myanmar-Operationen im November 2021 für 105 Millionen USD an Shwe Byain Phyu, eine Gruppe mit engen Verbindungen zum Militär, und an die libanesische M1 Group. Der Verkauf war hoch umstritten, da Telenors Infrastruktur zur Überwachung der Bevölkerung eingesetzt werden konnte und der Käufer Verbindungen zur Junta hatte. Menschenrechtsorganisationen und der UN-Sonderberichterstatter kritisierten dies scharf.
Ooredoo (Katar) verkaufte sein Myanmar-Geschäft ebenfalls 2022 an Nine Communications, ein Konsortium mit unklarer Eigentümerstruktur.
Viettel/Mytel ist der größte aktive ausländische Telekommunikationsakteur mit direkten Verbindungen zu MEC (Siehe Abschnitt Vietnam).
Flugzeugtreibstoff-Netzwerk
UN-Experten identifizierten 2023 ein Netzwerk von Firmen, die Treibstoff liefern:
Puma Energy (Singapur/Trafigura-Tochter): Indirekte Lieferbeziehungen über Zwischenhändler
PetroChina International (Singapore): Treibstofflieferungen an MOGE-verbundene Entitäten
Chayaphum Aviation Fuel (Thailand): Direktbelieferung des Flughafens Naypyidaw
Petrolimex Aviation (Vietnam): Treibstofflieferungen über Myanmar-Grenzpunkte
Wing Shing Petroleum (Hongkong): Vermittlerrolle in regionalen Treibstoffgeschäften
Diese Lieferketten ermöglichten der Junta den Einsatz von Kampfflugzeugen und Hubschraubern bei Massakern wie dem in Pa Zi Gyi, bei dem im April 2023 mehr als 100 Menschen starben.
Rüstung und Dual-Use-Güter
Neben staatlichen Rüstungsfirmen beliefern zahlreiche private und halbstaatliche Unternehmen die Junta mit Gütern, die zivil und militärisch nutzbar sind:
Norinco (China): Gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Munition
AVIC (China): Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Ersatzteile
Poly Technologies (China): Handfeuerwaffen, Munition
Yugoimport-SDPR (Serbien): Artilleriemunition, Granaten
Zahraa Group (Libanon/VAE): Vermittler für Dual-Use-Güter
Singapurische und Hongkonger Handelsfirmen: dienen als Transitknoten für Güter unter westlichen Exportkontrollen
Jade, Edelsteine und Rohstoffe
Der Edelsteinsektor, insbesondere Jade aus dem Kachin Staat, ist strukturell mit dem Militär verwoben. Die jährlichen Verkäufe auf der staatlichen Myanma Gems Enterprise (MGE) generierten nach dem Putsch Hunderte Millionen USD. Käufer sind überwiegend chinesische Händler und Schmuckunternehmen aus der Provinz Yunnan. Der Jade-Handel ist formal legal, de facto aber unter direkter Kontrolle des Militärs. Organisationen wie Global Witness dokumentierten, wie ein Großteil der Einnahmen direkt an Militäreliten und deren Crony-Netzwerke fließt.
Obwohl die EU 2021 Teak-Importe aus Myanmar untersagte, fließt Holz über Drittländer, insbesondere Vietnam und Thailand, weiterhin in europäische Lieferketten. Chinesische Firmen kaufen direkt in Myanmar.
Myanmarische Bergbauprojekte im Kachin Staat liefern Seltene Erden primär nach China. Die Auswirkungen auf die Umwelt sind katastrophal, nicht nur innerhalb des Kachin-Staats und Myanmar, sondern mittlerweile auch in Laos und Thailand. Giftstoffe und Schwermetalle verbreiten sich über die Flüsse und bedrohen die Lebensgrundlage von unzähligen Menschen. Hier bahnt sich eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte Südostasiens an.
